Gemeinsamer Anwalt bei Scheidung? Warum ein Anwalt nicht die Interessen beider Eheleute gleichzeitig vertreten kann!

03. Juli 2024

Ann-Christin Kohl

In vielen Scheidungsfällen besteht der Mythos, dass ein Anwalt beide Ehepartner gleichzeitig vertreten kann und somit Kosten und Zeit gespart werden können. Dieser Mythos ist jedoch irreführend und kann zu potenziellen Konflikten und Ungerechtigkeiten führen. Es ist daher wichtig zu verstehen, warum ein Anwalt nicht die Interessen beider Parteien gleichzeitig vertreten kann und es trotzdem möglich ist, das Scheidungsverfahren in Fall der Einvernehmlichkeit nur mit Beauftragung eines Anwaltes durchzuführen.

Interessenskonflikt

  1. Parteilichkeit: Ein Anwalt hat die berufliche Verpflichtung, die Interessen seines Mandanten bestmöglich zu vertreten. Wenn ein Anwalt beide Ehepartner gleichzeitig vertreten würde, kann dies zu einem Interessenkonflikt führen, da die Interessen der beiden Parteien möglicherweise nicht immer im Einklang stehen.
  2. Vertraulichkeit: Ein Anwalt ist dazu verpflichtet, die Vertraulichkeit der Informationen seines Mandanten zu wahren. Wenn ein Anwalt beide Ehepartner vertreten würde, könnte dies bedeuten, dass vertrauliche Informationen preisgegeben werden müssen, was das Vertrauensverhältnis wiederum beeinträchtigen könnte.

Durch die Trennung der anwaltlichen Vertretung für jede Partei wird sichergestellt, dass beide Eheleute angemessen geschützt sind und ihre Rechte gewahrt bleiben. Jede Partei hat das Recht auf eine unabhängige rechtliche Beratung, um sicherzustellen, dass ihre Interessen angemessen vertreten werden.

Einvernehmliche Scheidung: Möglichkeit, dass nur ein Ehepartner einen Anwalt hat

In Fällen einer einvernehmlichen Scheidung, in der beide Ehepartner bereits alle Aspekte der Scheidung wie Vermögensaufteilung, Unterhaltszahlungen und Sorgerecht für etwaige gemeinsame Kinder außergerichtlich geregelt haben, ist es möglich, dass nur ein Ehepartner einen Anwalt hat. Vor dem Familiengericht besteht nur für den Antragsteller Anwaltszwang. Der andere Ehepartner kann in diesem Fall ohne eigenen Anwalt der Scheidung lediglich zustimmen.

  1. Außergerichtliche Vereinbarungen: Bei einer einvernehmlichen Scheidung haben die Ehepartner bereits alle relevanten Fragen außergerichtlich -ggfs. mit anwaltlicher Hilfe- geklärt und sind sich über die Modalitäten der Scheidung einig. Dies kann die Notwendigkeit eines eigenen Anwalts für jeweils beide Parteien reduzieren
  2. Zustimmung ohne eigenen Anwalt: In Fällen, in denen nur ein Ehepartner einen Anwalt hat, kann der andere Ehepartner ohne eigenen Anwalt der Scheidung zustimmen.

Ablauf des Versorgungsausgleichs bei einseitiger anwaltlicher Vertretung

In Fällen, in denen nur eine Seite anwaltlich vertreten ist und der Versorgungsausgleich im Rahmen einer Scheidung durchgeführt werden muss, gibt es bestimmte Verfahrensweisen, die beachtet werden sollten. Auch wenn nur eine Partei einen Anwalt hat, ist es wichtig sicherzustellen, dass der Versorgungsausgleich fair und gerecht durchgeführt wird.

  1. Erfassung der Rentenanwartschaften: Zunächst müssen alle Rentenanwartschaften und Altersvorsorgeansprüche beider Ehepartner erfasst werden. Hierzu wird das Gericht beiden Parteien den Fragebogen zum Versorgungsausgleiches zusenden. Nach Rücksendung des ausgefüllten Fragebogens werden seitens des Gerichts die Auskünfte bei den verschiedenen Versorgungsträger eingeholt.
  2. Berechnung des Ausgleichs: Anhand der erfassten Rentenanwartschaften der Ausgleichsbetrag für den Versorgungsausgleich berechnet. Dieser Betrag basiert in der Regel auf der während der Ehezeit erworbenen Anwartschaften und wird hälftig zwischen den Ehepartnern aufgeteilt.

Kostenteilungsvereinbarung bei einseitiger anwaltlicher Vertretung

In Fällen, in denen nur ein Ehepartner anwaltlich vertreten ist können die Kosten für die anwaltliche Beratung und Vertretung auf beide Eheleute gleichmäßig verteilt werden, indem eine Kostenteilungsvereinbarung zwischen den Ehepartnern getroffen wird. Diese Vereinbarung regelt, wie die Anwaltskosten aufgeteilt werden und kann dazu beitragen, dass die finanziellen Auswirkungen der Scheidung fair verteilt werden. Die Gerichtkosten trägt ohnehin in der Regel jeder Ehegatte jeweils zur Hälfte.

Es ist wichtig, dass die Kostenteilungsvereinbarung schriftlich festgehalten wird, um Missverständnisse zu vermeiden und Rechtssicherheit zu gewährleisten. In der Vereinbarung sollten alle Details zur Kostenverteilung sowie eventuelle Zahlungsmodalitäten festgehalten werden.

Insgesamt ist es bei einer einvernehmlichen Scheidung möglich, dass nur ein Ehepartner einen Anwalt hat, während der andere ohne eigenen Anwalt der Scheidungsvereinbarung zustimmt. Es ist jedoch insbesondere im Hinblick auf die gemeinsame Ehezeit ratsam sicherzustellen, dass beide Interessen angemessen vertreten werden.

Durch sorgfältige Planung, transparente Kommunikation und angemessene Vertretung können beide Parteien sicherstellen, dass ihre Rechte gewahrt bleiben und die Ehe gütlich und fair aufgehoben wird.

Wenn Sie Fragen zur anwaltlichen Vertretung im Scheidungsverfahren haben, sprechen Sie mich gerne an.

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